Der FC Rot-Weiß Erfurt wurde 1966 gegründet – und ist doch viel älter. Im rechtlichen Sinn reicht seine Geschichte bis zur SG Erfurt-West aus dem Jahr 1946 zurück. Personelle Kontinuität lässt sich allerdings bis zum Sport-Club nachweisen ,der bekanntlich bereits 1895 gegründet wurde. Es lohnt also, den Blick auf die gesamte Vergangenheit des Clubs zu richten.

Am 26. Januar 1966 wurde der FC Rot-Weiß Erfurt gegründet. Die Gründungsversammlung fand im „Haus der Jugend und Sportler“ statt, dem heutigen Stadtgarten. Anwesend waren hochrangige Funktionäre der DDR-Nomenklatur mit Einfluss auf den Fußball, allen voran die Sekretäre Adolf Wicklein und Siegfried Mohr von der SED-Bezirksleitung, Oberbürgermeister Rolf-Dietrich Nottrodt und Direktor Heinz Milde vom neuen Trägerbetrieb VEB Optima Büromaschinenwerk Erfurt. Milde wurde erster Präsident, seine Stellvertreter wurden Hans Hopp von der Bezirksbehörde der Volkspolizei und Horst Bartzsch als stellvertretender Chefredakteur der SED-Tageszeitung „Das Volk“. Werner Günther, beim bisherigen DDR-Oberligisten SC Turbine Erfurt als Funktionär tätig, führte den neuen FC RWE bis 1968 als Clubsekretär und nach dem Rückzug Mildes als Clubvorsitzender.

Im Vorfeld hatte es bei der Namenswahl Diskussionen und Verwirrung gegeben. Mitte Dezember 1965 verkündete man in der Presse:

„Wir haben auch über einen Namen eingehend mit den Sportlern und Funktionären beraten und sind zu dem Entschluss gekommen, uns schlicht und einfach FC Erfurt zu nennen.“

Tatsächlich trat die Mannschaft bei zwei Freundschaftsspielen im Januar als FC Erfurt an. Dann kam die Pressemeldung, dass der Name FC Erfurt doch nicht gewählt werden solle. Erst am 24. Januar hieß es im „Volk“:

„Das war also der Abschied vom SC Turbine. Zum letzten Male unter dem alten Namen und im gewohnten blauen Dress antretend – am kommenden Mittwoch wird ja nun der FC ‚Rot-Weiß Erfurt‘ gegründet.“

Die Entscheidung hat letztlich Adolf Wicklein als für Sport zuständiger SED-Sekretär getroffen.

Natürlich bildet die Gründung des FC Rot-Weiß 1966 nicht den Anfang der großen Erfurter Fußballgeschichte, denn sie reicht zurück bis in die Ursprünge des deutschen Fußballs im späten 19. Jahrhundert. Von England kommend, fand die neue Sportart rasch zahlreiche Freunde. Mit der Gründung des DFB 1900 erhielt sie einen Dachverband. Die Tradition vieler großer Vereine datiert in diese Frühphase: Hannover (18)96, Schalke (19)04, BVB (19)09 usw. Im Osten dagegen scheint die Geschichte vieler Vereine nur bis 1965/66 zurückzureichen. Dies erklärt sich aus den Zäsuren der DDR-Zeit: Zum 1. Januar 1946 wurden alle Vereine aufgelöst und der Sport bzw. der Fußball neu organisiert. Der letzte Schritt dabei war die Gründung von besonders geförderten Fußballclubs um den Jahreswechsel 1965/66. Ihr Ziel war die Anhebung des internationalen Niveaus des DDR-Fußballs: BFC Dynamo, 1. FC Union Berlin, FC Vorwärts Berlin (später Frankfurt/O.), SG Dynamo Dresden (schon 1953 gegründet), FC Rot-Weiß Erfurt, Hallescher FC Chemie, FC Carl Zeiss Jena, FC Karl-Marx-Stadt, 1. FC Lokomotive Leipzig, 1. FC Magdeburg und F.C. Hansa Rostock.

Die meisten dieser Vereine weisen freilich eine weit längere Traditionslinie auf. Das gilt auch für den FC Rot-Weiß Erfurt. Unmittelbarer Vorläufer, der 1966 praktisch nur umbenannt wurde, war besagter SC Turbine Erfurt. Nach diversen Namenswechseln seit 1951 unter dem Namen Turbine antretend, gehörte er zu den Spitzenmannschaften im Osten und feierte1954 und 1955 zwei Meistertitel in der DDR-Oberliga. Hieran erinnert bis heute der Stern mit der „2“ über dem RWE-Logo auf den Trikots unserer Kicker.

Das mag auch die 1966 mitschwingende Wehmut beim Abschied vom Namen Turbine erklären. Darüber hinaus kann RWE mit dem Sport-Club Erfurt 1895 an einen der ältesten deutschen Fußballvereine anknüpfen. Der S.C.E. gehörte zu den Gründungsmitgliedern des DFB und errang große Erfolge bis zum Halbfinale der Deutschen Meisterschaft 1909. Die rot-weiße Vereinshistorie hat also eine bemerkenswerte blau-weiße Vorgeschichte – Vereinsfarben vom S.C.E. und Turbine waren blau-weiß. Deshalb stand im Jahr 2025 das 130. Gründungsjubiläum des ältesten Vorläufers an.

Fazit: RWE ist ein Fußballclub mit Tradition seit 1895 und feierte im Zeichen des Turbine-Blitzes in den 1950er-Jahren seine größten Erfolge. In den einzelnen Abschnitten sollen die bewegten Zeiten von Rot-Weiß und seinen Vorgängern schlaglichtartig nachgezeichnet werden. Gerade die letzten dreieinhalb Jahrzehnte waren eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen zweiter und fünfter Liga, mit Insolvenzen und rasch wechselnden Spielerkadern, sodass es selbst die eingefleischtesten Fans schwer haben, den Überblick zu behalten.



Text: Dr. Steffen Raßloff und Dr. Michael Kummer
Fotos: Archive FC Rot-Weiß Erfurt, Olaf Schwertner, Kurt Gaida

erschienen auch im 1966er, dem Magazin über den FC Rot-Weiß Erfurt, Sonderausgabe anlässlich des 60. Geburtstags des FC Rot-Weiß Erfurt, hrsg. vom Fanrat Rot-Weiß Erfurt e.V.




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