Drittligist mit Zweitliga-Ambitionen

Von 1992 bis 2018

In den folgenden anderthalb Jahrzehnten spielte RWE im mehrfach vom DFB umstrukturierten Drittligafußball. Zunächst 1992/93 und1993/94 in der NOFV-Oberliga, Staffel Süd. Obwohl aussichtsreich im Rennen um die 2. Bundesliga dabei (Platz 2 und 3), zog über weite Strecken Tristesse am Steiger ein. So wurde Jahrhundertspieler Jürgen Heun am 15. Mai 1993 gegen den FC Meißen (2:0) vor gerade einmal 600 Zuschauern verabschiedet.

1994 konnte man sich unter Trainer Klaus Goldbach (1992–1995), einem der Spieler der „goldenen Generation“ der späten DDR-Zeit, für die neue Regionalliga Nordost qualifizieren – eine von damals vier Regionalligen. Am Ende der Saison 1999/2000 standen als Tabellensiebter zwei Relegationsspiele für die nunmehr zweigleisige Regionalliga an. Beim Oberliga-Meister FC Schönberg wurde 0:1 verloren. In der Nachspielzeit des dramatischen Rückspiels trafen die Gäste beim Stand von 3:1 die Latte, was das Aus bedeutet hätte. Doch im Gegenzug lief Petr Nemec auf das verwaiste Schönberger Tor zu und erzielte den 4:1-Endstand.

Ein Jahr später hatte Rot-Weiß endlich auch mal richtiges Glück, denn nur dank des Lizenzentzugs des SSV Ulm kam man um den Abstieg herum. In den Folgejahren gelang es, sich im Mittelfeld zu etablieren: RWE spielte von 2000/01 bis 2003/04 in der Regionalliga Süd (Platz 15, 5, 9, 2) und von 2005/06 bis 2007/08 in der Regionalliga Nord (Platz 14, 11, 7).

Die Saison 2003/04 hatte zwischenzeitlich den erneuten Sprung in den Profifußball gebracht. Die Elf von Trainer René Müller feierte am 29. Mai 2004 vor 20.000 Zuschauern im Steigerwaldstadion gegen den 1. FC Saarbrücken den umjubelten Aufstieg in die 2. Bundesliga. In die Vereinsgeschichte ging dabei vor allem das Hacken-Siegtor von Stürmerlegende Ronny „Fußballgott“ Hebestreit in der 79. Minute ein. Zu den gefeierten Aufstiegshelden gehörten u. a. Torwart René Twardzik, Rudolf „Rudi“ Zedi, Ralf Klingmann, Torsten Traub, Branko Okić, Oliver „Air“ Glöden und Stürmer René Müller.

Und wie fast immer währte die Freude nur kurz, denn Rot-Weiß kehrte als Tabellenletzter postwendend in die Regionalliga zurück. Überschattet wurdedies noch durch die Dopingaffäre um Stürmer Senad Tiganj, die zu einem Punktabzug führte und letztlich alle Resthoffnungen auf den Klassenerhalt zunichtemachte. Die ständigen Probleme bei der Finanzierung der Profi-Bedingungen führten den Verein nach dem Zweitliga-Abstieg 2005 erneut an den Rand des Abgrunds – mit Mühe konnte der Spielbetrieb aufrechterhalten werden. Bis 2017 stand nun Rolf Rombach an der Spitze des Vereins, neben Werner Günther war das die bisher längste Amtszeit eines RWE-Präsidenten. Bereits einige Jahre zuvor, 1997/98, hatte bei einem Insolvenzverfahren nur mit äußersten Anstrengungen und einigen selbstlosen Förderern – wie beispielsweise Unternehmer und Präsident Klaus Neumann – das Schlimmste verhindert werden können. Charakteristisch sind auch die zahlreichen Trainerwechsel (Horst Kiesewetter, Frank Engel, Hans-Günter Schröder, Jürgen Raab, Hans-Ulrich Thomale, Jens Große, Michael Feichtenbeiner, René Müller, Ján Kocian, Pavel Dotchev, Heiko Nowak, Karsten Baumann, Rainer Hörgl, Henri Fuchs, Alois Schwartz, Walter Kogler, Christian Preußer, Norman Loose, Stefan Krämer, David Bergner, Stefan Emmerling).

2008 dann die nächste Strukturreform: Vom DFB wurde die neue eingleisige Dritte Liga als 3. Profiliga eingeführt. Aus den zwei Regionalligen Nord und Süd wurden fünf viertklassige Regionalligen (West, Südwest, Bayern, Nord, Nordost). Rot-Weiß konnte sich als Tabellensiebter der Regionalliga Nord für die neue attraktivere Spielklasse qualifizieren und im folgenden Jahrzehnt avancierte man dort zum „Drittliga-Dino“, der sich gegen namhafte Konkurrenz zu behaupten wusste. Mit Platzierungen zwischen Rang 5 und 14 bewegte sich RWE meist im sicheren Bereich und klopfte einige Male wieder ans Tor zur 2. Bundesliga. Bitter in Erinnerung ist das 3:4 – nach einer sicheren 3:1-Halbzeitführung – bei Abstiegskandidat Rot Weiss Ahlen am 7. Mai 2011, als man am vorletzten Spieltag alle Aufstiegschancen vergab.

Die Dritte Liga brachte dem Verein deutlich mehr Aufmerksamkeit – bis hin zu regelmäßigen Spielberichten in der ARD-Sportschau. Für ein Highlight sorgte dort Stürmer Carsten „Chipper“ Kammlott mit der Auszeichnung zum „Tor des Jahres“. Am 13. August 2015 erzielte er im Punktspiel bei Dynamo Dresden im Fallen ein spektakuläres Hacken-Tor, den„Skorpion-Kick“. Zugleich wurde das Steigerwaldstadion von 2015 bis 2016zur modernen Multifunktionsarena umgebaut, wenn auch nur zu drei Vierteln. Die alte Westtribüne kann seitdem nur noch zu besonderen Anlässen und unter großen finanziellen Anstrengungen des Clubs genutzt werden, aber insgesamt haben sich die Rahmenbedingungen für RWE und seine Anhänger erheblich verbessert. Zuvor war am 8. Oktober 2014 zum alten Stadion mit dem markanten Marathontor in einem Spiel gegen den FC Groningen emotional Lebewohl gesagt worden.

2017 konnte der FC Rot-Weiß Erfurt mit einem 1:0 gegen Wacker Nordhausen zum zehnten (und vorerst letzten) Mal den Thüringer Landespokal nach 1994, 1998, 2000, 2001, 2002, 2003,2005 (Amateure), 2008 und 2009 erringen. Besonders in Erinnerung geblieben ist das Endspiel am 26. Mai 2009 am Steiger. Im Thüringenderby gegen Jena konnte die Mannschaft in der Schlussviertelstunde vor über10.000 Zuschauern aus einem 0:2 einen 3:2-Sieg machen. Der Landespokal bescherte RWE auch eines der größten Spiele der Vereinshistorie. Beim DFB-Pokal-Krimi am 10. August 2008 forderte man Rekordmeister Bayern München beim 3:4 nach dreimaligem Ausgleich durch Massimo Cannizzaro und Albert Bunjaku alles ab. Zu diesem Spiel wurde dank Zusatztribünen der Nachwende-Rekord von 24.500 Zuschauern aufgestellt.



Text: Dr. Steffen Raßloff und Dr. Michael Kummer
Fotos: Archive FC Rot-Weiß Erfurt, Olaf Schwertner, Kurt Gaida

erschienen auch im 1966er, dem Magazin über den FC Rot-Weiß Erfurt, Sonderausgabe anlässlich des 60. Geburtstags des FC Rot-Weiß Erfurt, hrsg. vom Fanrat Rot-Weiß Erfurt e.V.

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