Die Meistermannschaft 1953/54
Wer waren die Spieler der ersten Meistersaison? Auf welchen Positionen haben sie gespielt? Und welche Spitznamen hatten sie bei den Zuschauern? Hier stellen wir unsere Meister und deren Spielsystem vor
Insbesondere Manfred Höner, langjähriger Journalist der Thüringer Allgemeine, der noch heute unsere U19-Mannschaft aufmerksam begleitet, konnte sich gut erinnern. Seine launigen, aber sprachlich immer gehaltvollen Einschätzungen bilden das Gerüst dieses Textes. Aber auch Lothar Kaiser, Günter Bach und Dieter Raßloff waren damals imStadion und haben diese erfolgreichste Erfurter Mannschaft live gesehen, auch ihnen gebührt unser Dank für die Bereitschaft, als Zeitzeugen zurVerfügung zu stehen.
Das damalige Spielsystem
Die Erfurter Turbine-Mannschaft spielte im damals üblichen WM-System. Die Mittelreihe mit Müller rechts, Nordhaus in der Mitte und Rosbigalle links war das Glanzstück dieser Mannschaft. Die fünf Spieler vorn (also das W) waren rein offensiv ausgerichtet. Wenn die fünf W-Spieler vorn ihr Ding gemacht hatten, dann sind sie stehen geblieben, während die hinten aufgebotenen fünf M-Spieler bei einem gegnerischen Angriff die Abwehrarbeit mehr oder weniger allein erledigen mussten. Speziell im konditionellen Bereich unterschied sich das Spiel unserer Meistermannschaft um Welten vom heutigen Fußball: die Spieler sind wesentlich weniger gelaufen, waren weniger athletisch und das damalige Tempo war deutlich geringer.
Kurzvorstellung aller 17 Meisterspieler
(in alphabetischer Reihenfolge)Damals wusste jeder die Namen der Spieler auswendig. Zumindest in Erfurt und Umgebung waren das echte Prominente, aber dennoch meist bodenständige Typen. Wir erinnern an diese Turbine-Meistermannschaft der Saison 1953/54.
Gerhard Franke, genannt „der Beißer“
Als linker Außenverteidiger hing er seinem Gegenspieler permanent im Genick, aber nach vorn riss der spätere Nationalspieler keine Bäume aus. Sein Leitspruch: „Wenn Du einmal an mir vorbei gehst, dann breche ich Dir die Knochen!“
Heinz Grünbeck, genannt „der Grüne“
Der Stammtorhüter war auf der Linie blitzschnell, aber beim Rauslaufen nicht der Sicherste. „Der Grüne“ wurde vordem 27. Spieltag aus disziplinarischen Gründen aus der BSG Turbine Erfurt ausgeschlossen.
Heinz Hammer, genannt„Jule“
Er war ein ausgebuffter rechter Halbstürmer, der so manchen Elfmeter rausholte. Später klappte das nicht mehr so gut, weil sich sein Talent leider bis zu den Schiedsrichtern herum gesprochen hatte.
Rudolf Hermsdorf, genannt „Rudi“
An der Meisterschaft 1953/54 war er maßgeblich beteiligt, er wurde in 25 von 28 Punktspielen eingesetzt. Seine Position war die des rechten Halbstürmers.
Wilhelm Hoffmeyer, genannt „Kimme“ oder „der Schrubber“
Er war ein gediegener rechter Außenverteidiger, d.h. nach vorne war es nicht gerade üppig. Aber seine Hauptaufgabe war es, den Linksaußen des Gegners abzuklemmen, und das hat er mit großer körperlicher Präsenz und Härte getan. Sobald er seinem Gegenspieler den Ball weggenommen hatte, blieb er allerdings mehr oder weniger stehen.
Horst Köhler, genannt „der Lehrer“
Als Außenverteidiger kam er nur einmal in der Meistersaison 1953/54 zum Einsatz, auswärts am 21. Spieltag bei der BSG Rotation Dresden. Auch er kann sich deshalb Meister nennen, allerdings war es seine letzte Saison. Später arbeitete er u.a. als Mathematik- und Physiklehrer an der POS 31 am Schwemmbach und war hier überaus streng, so auch zum Verfasser dieses Beitrags.
Günter Konzack
Er kam 1953 aus Leipzig, wo er als einer der ersten ein Sportlehrerstudium an der DHfK absolviert und bei der BSG Chemie gespielt hatte. Als linker Halbstürmer spielte er seine feineTechnik aus, aber wenn ihm jemand auf die Füße getreten ist, dann war es mit dem schönen Spielen vorbei. Später gewann er als Co-Trainer des1. FC Magdeburg den Europokals der Pokalsieger.
Karl-Heinz Löffler
In der Saison 1951/52 bestritt er noch alle Spiele für die Erfurter, aber 1953/54 war er meist nur noch die 2. Wahl. Im WM-System spielte er als rechter Außenläufer und war damit oftmals Ersatz für Jochen Müller.
Erich Martin
Er arbeitete wie Horst Köhler als Lehrer. Nachdem er sich in den beiden vorhergehenden Saisons im Sturm in die Stammelf gespielt hatte, verlor er diesen Platz in der Meistersaison an den neu hinzugekommenen Conny Wallroth. Martin war von kleiner Statur und spielte mit hohem Tempo.
Jochen Müller, genannt „der Lange“
Wenn Du ihn außerhalb des Sportes treffen wolltest, dann hat er im „Goldenen Rad“ im Nonnenrain gesessen und Alkohol getrunken. Und dennoch war er der Dauerläufer in der Mannschaft, ausgestattet mit einer Pferdelunge. Er ist hoch und herunter gerannt und hat auch einige Tore erzielt, gern per Fernschuss aus 30 Metern.
Wolfgang Nitsche, Stürmer und Torwartzugleich!
Eigentlich war Nitsche nur der Torhüter Nummer drei, denn als Stürmer war er sportlich wichtiger. In der Saison 1951/52 hatte er mit 18 Toren immerhin die meisten Erfurter Treffer erzielt. Im Finale der Meistersaisonstand er jedoch wieder im Tor, weil der Stammtorhüter Heinz Grünbeck ausgeschlossen worden war und der zweite Torhüter sich verletzt hatte.
Helmut Nordhaus,genannt „der Elegante“ und der Vater des Erfolgs.
In der Abwehrreihe war er der Offensive, der auch einige Tore schoss, und der zentrale Verbinder zu den Mittelläufern. „Der Elegante“ spielte wie der spätere Beckenbauer, seine Hose war nach dem Spiel nie schmutzig, aber die seiner Mannschaftskameraden um ihn herum umso mehr. Mit dem Außenrist adressierte er die Bälle in ganz hervorragender Weise.
Georg Rosbigalle, genannt „Schorch“
Er kam 1952 aus Gotha zu Turbine und war ein richtig guter linkerAußenläufer. Bei den ersten beiden Länderspielen der DDR 1952 stand er mit auf dem Platz, einmal gegen Polen und einmal gegen Rumänien. Er war für viele Saisons eine Konstante in der Erfurter Mannschaft und spielte bis 1963.
Franz-Josef Simon, genannt „Jupp“
Lange musste er auf seine Chance warten. Erst nach dem Ausschluss von Heinz Grünbeck bestritt „Jupp“ Simon am 27. Spieltag sein erstes Oberligapunktspiel für Erfurt. Weil er sich dabei aber verletzte, wurde er in der 72. Minuten wieder ausgewechselt. Erst im letzten Spiel gegen Aue spielte er noch einmal ein paar Minuten für den dann verletzten Nitsche.
Siegfried Vollrath, genannt „der Dicke“
Er war der erfolgreichste der Vollrath-Brüder, die beim Erfurter Club spielten, und ein zuverlässiger Torschütze. In der Meistersaison1953/54 wurde er zusammen mit Heinz Satrapa von Aue Torschützenkönig mit 21 Toren. Woher sein Spitzname kam? Beweglich imSturm, eine hohe Schusskraft, aber ganz austrainiert war er mit Sicherheit nicht.
Konrad Wallroth, genannt „Conny“
Er kam erst im Sommer 1953 zu den Erfurtern und musste dann bis zum 6. Spieltag auf einen Einsatz warten. Danach spielte er allerdings jedes Spiel für die BSG Turbine Erfurt und wurde mit neun Treffern der zweitbeste Torschütze der Mannschaft. Seine Spielweise war dadurch geprägt, dass sein Kopf immer nach vorn in Richtung gegnerisches Tor gerichtet war und er wie ein Stier anrannte. An irgendeiner Defensivarbeit beteiligte er sich in der Regel nicht.
Lothar Weise
Er war der Jüngste in der Mannschaft und das größte Talent. Als rechter Außenstürmer schoss er viele Tore, war pfeilschnell und mit einem schönen Schuss ausgestattet. Als bester Nachwuchsfußballer der DDR wurde er ausgezeichnet und durfte 1955 zum Länderspiel der Sowjetunion gegen die Bundesrepublik reisen. Weise spielte aber nur bis Anfang 1957 in Erfurt, ging dann nach Stuttgart und war einer der wenigen Fußballer, die sowohl in der DDR als auch in der BRD (mit dem VfB Stuttgart) einen nationalen Titel gewinnen konnten.
Meistertrainer Hans Carl, genannt„Hanne“ oder „der Alte“
Carl spielte selbst lange Zeit beim Sport-Club Erfurt, dem Vorgänger der BSG Turbine. Dort absolvierte er von 1916 bis1936 mehr als 700 Ligaspiele, meist als Torhüter und manchmal auch als Mittelläufer. Zur Zeit der ersten Meisterschaft von Turbine Erfurt war er bereits Mitte 50 und wurde von allen Spielern gesiezt. „Der Alte“ war ruhig und sachlich, ein stiller Denker, der nie auf das Spielfeld geschrien hat. Sein extremer, sowohl von den Spielern als auch den Anhängern anerkannter Fußballsachverstand verlieh ihm eine besondere und natürliche Autorität. Bemerkenswert offen kritisierte Hans Carl Anfang1955 in der Neuen Fußballwoche die Einflussnahme durch zentrale Sportfunktionäre:
„Selbstverständlich übe ich meine Trainingsarbeit nach einem genau ausgearbeiteten Plan aus, aber das kann und soll doch nur ein Rahmenplan sein. Wo immer die Notwendigkeit besteht, muss ich auch davon abweichen. ... Ich hoffe aber, dass auch von den zentralen Funktionären in Zukunft vorher mit mir gesprochen wird, wenn meine Mannschaft wichtige internationale Spiele austragen soll. Sonst stört es die Trainingsarbeit und bietet auch wenig Aussicht au fErfolg, in der Vorbereitungszeit oder unmittelbar nach der Meisterschaft gegen starke Mannschaften anzutreten wie im Falle unserer SR-Reise und des Spiels mit Roter Stern Prag. Hier möchte ich auch gleich erwähnen, dass uns in ausreichendem Maße Lehrmaterial fehlt.“
In den folgenden Monaten immer mehr unter Druck gesetzt, kehrte er nach dem Gewinn der zweiten Meisterschaft durch seine Turbine-Elf seiner Heimatstadt den Rücken und ließ sich in Kassel nieder.
Text: Dr. Michael Kummer
erschienen auch im 1966er, dem Magazin über den FC Rot-Weiß Erfurt, Weiße Ausgabe 2024, hrsg. vom Fanrat Rot-Weiß Erfurt e.V.