1946 gründeten sich in Erfurt fünf nach Stadtteilen geordnete Sportgemeinschaften. Die aktiven Sportler dieser SG mussten im Stadtteilwohnen und dabei versuchte man, alte Vereinsstrukturen und Verbundenheiten zu übernehmen. Am bedeutendsten waren die Nachfolger der vor dem Krieg führenden Mannschaften. Aus der SpVgg Erfurt wurde die SG Erfurt-Ost, später SG Union Erfurt, BSG Stahl, Umformtechnik und der heutige FC Nord. Der Sport-Club Erfurt 1895 schloss sich mit Spielern des VfB Erfurt im Sportpark an der Cyriaksburg zur SG Erfurt-West zusammen, aus der letztlich RWE hervorging. 1948 wurde Erfurt-West Stadtkreismeister. 1949 konnte die Mannschaft, nun unter dem Namen SG Fortuna Erfurt, den Meistertitel in der neuen Landesliga Thüringen erringen. In der Endrunde um die Ostzonenmeisterschaft rückte Erfurt bis ins Finale vor, das allerdings am 26. Juni 1949 in Dresden gegen die ZSG Union Halle mit 1:4 verloren ging.
Die vielfachen Namenswechsel waren der schrittweisen Umstrukturierung des Sports nach sowjetischem Vorbild geschuldet. Schon 1948 war der Sport in der DDR an Trägerbetriebe als Betriebssportgemeinschaften(BSG) gekoppelt worden. Fortuna Erfurt kam zum Kommunalwirtschaftsunternehmen der Stadt, was zunächst zum Namen KWU Fortuna Erfurt und dann ab 1950 BSG KWU Erfurt führte. Zugleich zog man von der Cyriaksburg ins Georgij-Dimitroff-Stadion. Ebenfalls 1950 wurde der Sport auf Basis der Gewerkschaften in 18 zentrale Sportvereinigungen eingeteilt. Der Gewerkschaft Turbine, welche die Energie- und Wasserwirtschaft umfasste, gelang es, dass die spielstarke Erfurter Mannschaft dem VEB Reparaturwerk Clara Zetkin als BSG Turbine Erfurt zugeordnet wurde.
Nur wenige Jahre später, 1954, erfolgte die Änderung des Status‘ zu einem Sportclub. Die neuen SC wurden als Zentren des Leistungssports in der DDR stark gefördert. Auch der SC Turbine Erfurt sollte fortan in zahlreichen Sportarten „Ruhm und Ehre für unsere Deutsche Demokratische Republik“ erringen, so die offizielle Zielsetzung 1955. Bis zur Gründung des FC Rot-Weiß Erfurt im Jahr 1966 trat die Erfurter Mannschaft nun unter diesem Namen auf.
Sportlich war der Finaleinzug als Fortuna Erfurt 1949 der Auftakt zur erfolgreichsten Phase des Erfurter Fußballs. Als BSG KWU Erfurt spielten die Erfurter Kicker am 3. September 1950 das FDGB-Pokalfinale, verloren aber gegen den Außenseiter BSG EHW Thale überraschend mit 0:4.
Dem folgte die „Schmach von Chemnitz“, bei der sich die inzwischen als Turbine auflaufende Erfurter Mannschaft um die DDR-Meisterschaft betrogen fühlte. Der Tabellenerste der Saison1950/51 hatte am 20. Mai 1951 gegen die punktgleiche BSG Chemie Leipzig trotz des besseren Torverhältnisses zu einem Entscheidungsspiel antreten müssen – ein beispielloser Vorgang in der Oberliga-Geschichte. Ohne die vom DFV gesperrten Nationalspieler Helmut Nordhaus und Wolfgang Nitsche verlor Erfurt 0:2.
Nach der Schwächung der Mannschaft durch Spielerabgänge Richtung Westen dauerte es drei Jahre, um wiederum die Meisterschaft mitspielen zu können. Umso größer war der Jubel über die DDR-Meisterschaft 1954 vor Chemie Leipzig, Dynamo Dresden und Wismut Aue. Der erste Titel konnte am 11. April 1954 mit einem 2:0 über Aue vor über 40.000 Zuschauern perfekt gemacht werden. Die Turbine-Elf von Trainer Hans Carl mit seinen Kämpen um Kapitän Helmut Nordhaus, Torschützenkönig Siegfried Vollrath, Heinz Grünbeck, Gerhard Francke, Georg Rosbigalle, Jochen Müller undLothar Weise hat damit Fußballgeschichte schrieben. 1955, nun als Sportclub Turbine Erfurt, konnte der Titel dann noch einmal verteidigt werden.
Die Euphorie erklärt sich auch aus der Identifikation der Erfurter mit der Mannschaft. Die meist aus der Stadtstammenden Fußballer spielten seit Jahren zusammen, die aus geprägten Charaktere waren weithin bekannt. Diese Popularität spiegelt sich auch in den Zuschauerzahlen, kamen doch oft um die 20.000 Zuschauer zu den Spielen am Steiger. Der inoffizielle Zuschauerrekord aller Zeiten wurde am 1. April 1951 mit 47.390 im Oberliga-Punktspiel gegen Chemie Leipzig (1:2) aufgestellt. Bei 190.000 Einwohnern seinerzeit enorme Zahlen. Auch wennschon damals Fans aus dem Umland kamen, so erlebte doch zeitweise jeder fünfte Erfurter regelmäßig live die Turbine-Kicker auf ihrem steinigen Weg zum ostdeutschen Fußball-Olymp.
Eine Teilnahme am 1955 erstmals ausgespielten „Pokal der europäischen Meistervereine“, dem Vorläufer des Europapokals, blieb den Erfurtern allerdings verwehrt. Die DDR-Sportführung misstraute der Konkurrenzfähigkeit ihres eigenen Meisters. Und tatsächlich war der Zenit der Mannschaft überschritten. Im Sommer 1955 verließen wichtige Spieler und auch Trainer Hans Carl den SC Turbine. Man war nur noch Mittelmaß, die Situation im erfolgsverwöhnten Club angespannt.
Am 23. Oktober 1955 kam es gegen den SC Empor Rostock (2:2) nach einem umstrittenen Elfmeterfür die Gäste zu Tumulten auf und neben dem Platz. Helmut Nordhaus und Wilhelm Hoffmeyer erhielten lange Sperren, Nordhaus musste sein Kapitänsamt niederlegen. Das war der Anfang vom Ende der Karriere des Ausnahmespielers. Zwar absolvierte Helmut Nordhaus 1956 noch einige Spiele für Turbine, aber sportlich ging es mit ihm und der Mannschaft immer weiter bergab. Der Titelverteidiger hatte 1956 sogar Mühe, nicht aus der Oberliga abzusteigen. Als 1955 Erwin Schymik zum SC Motor Jena wechselte und 1957 mit Lothar Weise einer der treffsichersten Stürmer die DDR Richtung Stuttgarter Kickers verließ, war der Substanzverlust nicht mehr zu kaschieren. 1959 erreichte diese Entwicklung, nur vier Jahre nach der zweiten Meisterschaft, mit dem 13. Platz (von 14 Oberliga-Mannschaften) und damit dem Abstieg in die DDR-Liga den Tiefpunkt.
Text: Dr. Steffen Raßloff und Dr. Michael Kummer
Fotos: Archive FC Rot-Weiß Erfurt, Olaf Schwertner, Kurt Gaida
erschienen auch im 1966er, dem Magazin über den FC Rot-Weiß Erfurt, Sonderausgabe anlässlich des 60. Geburtstags des FC Rot-Weiß Erfurt, hrsg. vom Fanrat Rot-Weiß Erfurt e.V.
Ehrenratsmitglied
Dr. Steffen Raßloff












