Damals im Erfurter Stadion

Wie war es damals Anfang der 1950er Jahre, ins Georgi-DimitroffStadion zu gehen? Was gab es zu essen und zu trinken – oder gab es gar nichts? Wie war das Erfurter Publikum: eher heißspornig oder unterkühlt?

Diese und andere Fragen stellten wir Manfred Höner, Lothar Kaiser und Dieter Raßloff, die sich oft gleich, aber manchmal auch unterschiedlich an die erfolgreichste Zeit der Erfurter Mannschaft und die damit verbundenen Stadionerlebnisse erinnern. Und auch Günter Bach, damaliger Jugendspieler bei Turbine Erfurt, war oft im Stadion dabei.

Wie bist Du damals zum Turbine-Anhänger geworden?

Manfred Höner:

Seit 1948 bin ich als siebenjähriger Stift regelmäßig da hoch gegangen, da hat mich mein Vater immer auf die Schulter gepackt. Ich habe im Nachgang aber überhaupt nicht rausgekriegt, ob sich mein Vater wirklich dafür interessiert hat oder ob der einfach nur, weil alle gegangen sind, auch hingegangen ist. Er hat vor allem zu Hause auch nie groß darüber erzählt. Wie auch immer, seitdem hat mich über viele Jahrzehnte die Erfurter Mannschaft, egal unter welchem Namen, nicht losgelassen.

Lothar Kaiser:

Ich bin zu dieser Zeit in die Heinrich-Mann-Oberschule gegangen und war in der 10. Klasse. Und wir haben damals eine Jugend-Sanitätseinheit gegründet und diese Einheit war durchgehend beauftragt, die Rot-Kreuz-Betreuung im Stadion zu machen, und da war ich oft dabei. An das Entscheidungsspiel am 11. April 1954 kann ich mich erinnern. Da habe ich als Zuschauer das Spiel miterlebt, ich saß unterhalb der Tribüne etwas nördlich.

Dieter Raßloff:

Fußball hat damals für mich Heranwachsenden eine große Rolle gespielt. Mit meinem Freund und unseren Vätern sind wir während der Saison fast jeden zweiten Sonntag früh von der Jenaer Straße Richtung Stadion gezogen. Mit Anmarsch und Vorspiel der 2. Mannschaft waren wir gut fünf Stunden auf den Beinen. Das hat meiner Mutter nicht wirklich gefallen, war doch der Sonntag der einzige freie Tag für die Familie. Für uns war wiederum der gelegentliche Verzicht auf den sonntäglichen Braten mit Klößen schon ein großes Opfer.

Günter Bach:

Zur Zeit des Gewinns der ersten Meisterschaft war ich 16 Jahre alt und Nachwuchsspieler bei Turbine. Ich bin aber auch als Zuschauer ins Stadion gegangen, mit den anderen Jugendspielern saßen wir auf der Tribüne. Es war manchmal so voll, dass die Menschen sogar oben in den Bäumen saßen. Wenn es richtig voll war, standen viele Zuschauer auch auf der Laufbahn, die ganz vorn lagen manchmal sogar.

Wie hat man von den Spielterminen erfahren, wenn es in der Zeitung kaum Ankündigungen gab und andere Medien wie Internet, Fernsehenoder Handys noch nicht existierten oder diese kaum jemand besaß?

Lothar Kaiser:

Die Spieltermine waren immer die ganze Saison schon vorab geplant und mit den Schulferien abgestimmt. Also habe ich im Vorhinein meine Urlaube immer so geplant, dass dann keine Fußballspiele stattfanden. Es gab für den Fußball damals eine wichtige Informationsquelle, das war die Beilage Vorwärts des Neuen Deutschland. Es gab da einen Verkäufer, der stand Montagfrüh ab circa fünf Uhr in der Bahnhofsvorhalle. Die Sportzeitung Vorwärts kostete 15 Pfennige. Der Verkäufer hieß Fredi und wenn sie gewonnen hatten, rief er immer „Sportzeitung Vorwärts!“,„Sportzeitung Vorwärts!“, aber wenn sie verloren hatten, dann rief er „Turbine verwonnen“, „Turbine verwonnen!“.
Und dann gab es noch eine wichtige Informationsquelle. Dort wo heute WMF am Anger ist, war damals eine Geschäftsstelle der Zeitung Das Volk. Dort gab es ein Schaufenster mit zwei Holztafeln, dort steckten die Zeitungen drauf. Mich hat es geärgert, dass die mitunter sehr unaktuell waren, das war sehr ärgerlich. Und da bin ich einmal rein und habe denen meinen Ärger erzählt, da war ich damals circa 15 Jahre alt. Und da wurde ich gefragt, ob ich die aktualisieren will. Wir haben das dann vereinbart, da wurde ich sogar dafür entschädigt. Und dann bin ich Sonntagabend zu einer abgemachten Uhrzeit dorthin, eine Mitarbeiterin machte mir den Laden auf. Und dann habe ich die aktuellen Ergebnisse des Sonntags und auch die aktuelle Tabelle dort immer hingehängt, die hatte ich aus dem Rundfunk. Wenn die Leute dann Montagfrüh zur Arbeit sind, haben sie dort beim Vorbeigehen den aktuellen Stand gesehen.

Wie waren die Stadionbesucher gekleidet?

Manfred Höner:

Es gab damals keine Fanschals. Es war Sitte, dass du ordentlich angezogen dort hoch gehst. Es gab genügend, die mit Anzug und Binder da herumgelaufen sind.

Lothar Kaiser:

Die Leute sind ganz normal gekleidet ins Stadion gegangen. Zuschauer mit Trikots oder Fankleidung gab es damals nicht, auch nicht das Fahnenschwenken.

Dieter Raßloff:

Es ging anders zu als heute. Es gab keine Fanblocks, niemand hatte Trikots oder Schals an, viele Männer kamen sogar im Anzug.

Wurde der Gegner oder der Schiedsrichter auch mal ausgepfiffen oder beschimpft?

Dieter Raßloff:

Die Atmosphäre war entspannter, sportlicher. Man stelle sich heute ein Spiel vor, bei dem fast 50.000 Zuschauer eng aneinander stehen und nur durch ein niedriges Geländer vom Spielfeld getrennt sind – undenkbar! Damals war das völlig selbstverständlich. Bei aller lautstarken Unterstützung der eigenen Mannschaft gab es keine üblen Schmähungen des Gegners oder gar Gewalt.

Günter Bach:

Es war weitgehend friedlich. An Ausschreitungen kann ich mich nicht erinnern.

Lothar Kaiser:

Ich kann mich auch nicht an Pfeifkonzerte zu dieser Zeit erinnern.

Manfred Höner:

Im Prinzip war es wie heute. Lief es gut, haben die Zuschauer ihre Mannschaft extrem angefeuert. Lief es schlecht, haben sie nur genölt. Und der Gegner wurde immer beschimpft. Und es wurde sich auch geschlagen. Es ist nicht nur einmal die berittene Polizei bis aufs Spielfeld gekommen und hat versucht, für Ordnung zu sorgen. Das heißt also, dass es Randale damals auch schon gegeben hat, wenn auch nicht in dieser Häufigkeit wie heute.

Wo standen damals die Gästeanhänger?

Lothar Kaiser:

Ich kann mich nicht erinnern, dass es damals schon einen Block mit Gästeanhängern gab. Die standen mitten unter allen anderen auch. Man hat sie aber auch meistens nicht erkannt, weil sie vollkommen in ziviler Kleidung unterwegs waren.

Wie hoch war der Frauenanteil an den Besuchern?

Dieter Raßloff:

Fußball war auch als Zuschauer noch weitgehend Männersache.

Manfred Höner:

Frauen sind kaum ins Stadion gegangen, es war eine Männerveranstaltung. Und wenn Frauen da waren, sind sie meist nicht von sich aus dahin, sondern sind mitgegangen. Die Frauen waren damals am Herd und ihre Aufgabe war es, die enttäuschten oder begeisterten Männer, wenn sie hinterher nicht in die Kneipe gegangen sind, zu Hause mit Essen und Trinken zu bedienen.


Erfurt – ein heißes Pflaster?

Das Volk vom 21. September 1953, Saisonauftakt gegen Stendal:

„Ein Wort an die Zuschauer. Es ist billig, Fehlentscheidungen des Schiedsrichters durch Tätlichkeiten zu beantworten und womöglich eine neue Platzsperre zu provozieren. Der Schiedsrichter Jähnichen hatte keinen glücklichen Tag, er traf zahlreiche Fehlentscheidungen und reagierte nicht auf das klare Handspiel von Pangritz. Aber das darf auf keinen Fall zu tätlichen Angriffen führen, wie sie von Zuschauern versucht wurden.“

Das Volk vom 12. Oktober 1953:

„Sportplatz-Rowdy erhielt gerechte Strafe: Als nach Spielschluss des Fußballoberligaspiels Turbine Erfurt – Lok Stendal am 20. September 1953 im Georgi-Dimitroff-Stadion einige Rowdys aufgrund einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters zu Belästigungen und Tätlichkeit engegen den Schiedsrichter und die Gästemannschaft vorgingen, wurde zu ihrem Schutz von der Leitung der SV Turbine die Volkspolizei zu Hilfe gerufen. Der Rowdy Wolfgang Linz, 20 Jahre alt, wohnhaft in der Augustinerstraße 24, war sehr rauflustig und glaubte, die Volkspolizisten beleidigen zu können, er erhielt deshalb fünf Monate Gefängnis.“


Gab es damals auch etwas zu essen und zu trinken im Stadion?

Manfred Höner:

Die Verpflegung war nur sehr spärlich. Ich glaube, es gab Bockwurst und dann gab es noch Bratwurst-Barthel, ein Erfurter Unikum.

Lothar Kaiser:

Es gab einen berühmten Bratwurst-Hersteller, der auch im Stadion verkaufte: Bratwurst-Barthel. Der stand üblicherweise auf dem Domplatz und am damaligen Platz der Jungen Pioniere, heute Ilversgehovener Platz.

Gab es so etwas wie ein Rahmenprogramm, einen Stadionsprecher, eine Anzeigetafel?

Dieter Raßloff:

Im Stadion gab es kein Rahmenprogramm oder neumodisches Entertainment, der Fußballstand ganz im Mittelpunkt.

Manfred Höner:

Ein Rahmenprogramm gab es nicht, da hat in der Regel nichts weiter stattgefunden. Gelegentlich gab es mal Vorspiele von Jugendmannschaften. Einen Stadionsprecher gab es auch schon früher, aber ich weiß nicht mehr genau, ab welchem Jahr. Der machte dann auch Ansagen, aber das war im Vergleich zu heute eher spartanisch. Und an der Nordseite gab es eine Handanzeige, an einer Säule wurde der Spielstand angehängt. Auf der anderen Säule auf der anderen Seite der nördlichen Stadionöffnung war die Uhr.

Welchen Anteil hatte die Propaganda und in welcher Form? Nervte die, war das unterhaltsam oder hat man das einfach stoisch ertragen?

Dieter Raßloff:

Dass die bei vielen ungeliebte Partei im Stadion mit großenBildern von SED-Spitzenfunktionärenum „Spitzbart, Bauch und Brille“ (Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl) und den allgegenwärtigen großen Spruchbändern auch die Popularität des Fußballs zu nutzen versucht hat, prallte an uns ab. Auch, wenn die Helden von 1954 demonstrativ durch die Genossen ausgezeichnet wurden, etwa Jochen Müller und Helmut Nordhaus als „Meister desSports“. Das war eben so in der DDR und hat unserer Freude am Fußball nicht geschadet.

Haben die Spieler vor oder nach dem Spiel irgendwie mit dem Publikum interagiert?

Dieter Raßloff:

Es gehört zwar nicht zur Meistersaison, aber ich kann mich sehr gut an Eduard „Eddi“ Franke erinnern. Wie Jule Hammer hat er bei der SG Nord angefangen und war ein Schulfreund meines Vaters. Sein Markenzeichen war die tief hängende Hose, weshalb wir bei Ecken immer riefen: „Eddi, zieh die Hose hoch!"

Manfred Höner:

Eine Fannähe wie heute gab es damals nicht. Dass die Spieler nach dem Spiel zu den Zuschauern gegangen sind und diese abgeklatscht hätten, das gab es nicht. Eine Ausnahme war, als sie Meister geworden sind, da gab es eine Ehrenrunde und so etwas, aber das war ungewöhnlich.



Die Interviews wurden geführt von Michael Kummer.

erschienen auch im 1966er, dem Magazin über den FC Rot-Weiß Erfurt, Weiße Ausgabe 2024, hrsg. vom Fanrat Rot-Weiß Erfurt e.V.

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