Blitztore, Bänderrisse und Paraden

Die Saison 1953/54: Von der Auftaktniederlage zu Hause gegen Lok Stendal bis zum entscheidenden letzten Spiel am 11. April 1954 und dem Gewinn des ersten Meistertitels. Spannung pur!

Erfurt besaß Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre eine der bestenMannschaften der noch jungen DDR, ist aber bis dahin nie Meister geworden. Auch der so greifbare Pokalsiegwurde mit einem überraschenden 0:4 gegen SG Eisenhüttenstadt Thale verspielt. Nachdem in der Saison 1949/50 der vierte Platz heraussprang, schaffte es die Mannschaft in der Folgesaison 1950/51 auf den 1. Platz, punktgleich mit der BSG Chemie Leipzig. Da die eigentlich bessere Tordifferenzder Erfurter damals noch nicht ausschlaggebend war, kam es zu einem Entscheidungsspiel zwischen den beiden Mannschaften, ausgetragen am 20. Mai 1951 in Chemnitz. Das Spiel ging 0:2 verloren, allerdings durften die Erfurter zwei ihrer besten Spieler (Helmut Nordhaus und Wolfgang Nitsche) nicht einsetzen, offiziell ausdisziplinarischen Gründen. Bei den älteren Erfurter Fußballanhängern hallen die Umstände dieses Spiels bis heute nach, so auch bei Dieter Raßloff:

„Die Meisterschaft von Turbine1954 war für uns Fußballfreunde in Erfurt eine riesige Freude. Für mich als damals sechzehnjährigen frischgebackenen Maschinenschlosser beiTopf/EMS ist der entscheidende Sieg im Spiel gegen Aue ein unvergessliches Erlebnis geblieben. Wir hatten ja schon einige Jahre darauf gehofft und bittere Enttäuschungen erlebt. Besonders das Entscheidungsspiel 1951 gegen Chemie Leipzig wurde einhellig als Schiebung empfunden.“

Geschwächt durch einige namhafte Abgänge war in den folgenden beiden Saisons die BSG Turbine Erfurt mit einem 8. und einem 7. Platz nicht mehr als eine ambitionierte Mittelfeldmannschaft. Der Stamm der Mannschaft um die Achse Georg Rosbigalle, Helmut Nordhaus und Jochen Müller blieb jedoch zusammen, so dass mit einigen gezielten Verstärkungen in der Saison 1953/54 nun endlich wieder oben angegriffen werden konnte. Turbine Erfurt war unter Trainer Hans Carl nun auf dem Zenit und gewann in der Saison1953/54 erstmals den Meistertitel.

Die Berichterstattung in der Tageszeitung Das Volk macht den spannenden Verlauf der Saison, den kurzzeitigen Vierkampf um die Spitze, der dann zu einem Dreikampf und am Ende auf ein Duell wiederum mit der BSG Chemie Leipzig hinauslief, sehr anschaulich deutlich. Diese Zeitungsberichte sind die Grundlage dieser Nacherzählung einer Saison, die wahre Zuschauermassen in die Stadien lockte. Mit insgesamt 2,94Millionen Zuschauern wurde so ein Schnitt von 14.005 Zuschauernpro Spiel erreicht – der höchste der gesamten Oberliga-Zeit. Die Spiele Dynamo Dresden – Turbine Erfurt, Chemie Leipzig – Dynamo Dresden und Chemie Leipzig – Turbine Erfurt hatten mit jeweils 40.000 Zuschauern dabei den größten Zuspruch.

Verpatzter Saisonauftakt: 1:2 Heimniederlage gegen späteren Absteiger Lok Stendal

1. Spieltag, 20. September 1953

20.000 Zuschauer im Erfurter Stadion erlebten zum Saisonauftakt eine große Überraschung. Zunächst waren die Erfurter klar besser:

„Turbine, mit Hammer statt dem angekündigten Konzak in der Sturmmitte, begann sofort mit stürmischen Angriffen und schien die Eisenbahner an die Wand spielen zu wollen. Als Weise in der 12. Minute Torwart Rehmit prachtvollem Schrägschuss überwand und Stendal weiter mit allen Beinen zu verteidigen hatte, schien Turbine dem ersten Saisonsieg zuzusteuern.“

Doch es kam anders, denn die vielbeinige Stendaler Abwehr ließ nur einen Treffer zu und traf selbst zweimal. Trotz bester Chancen gelang es Turbine nicht, den Ausgleich zu erzwingen. Fazit der TageszeitungDas Volk:

„Die hochfavorisierte Turbine-Elf begann in einem offensichtlichen Formtief die neue Saison.“

Fehlstart vermieden, erster Saisonsieg bei unbeständigen Babelsbergern

2. Spieltag, 27. September 1953

„Vor 10.000 begeisterten Babelsberger Fußball-Anhängern gegen die einheimische Rotations-Elf 2:1 zu gewinnen, war für Turbine Erfurt eine nicht zu verkennende Leistung.“

Mit einem 2:0 gegen Empor Lauter nachgelegt

3. Spieltag, 4. Oktober 1953

„Dabei begann das Spiel sofort mit gefährlichen Vorstößen der violettweißen Erfurter. Vollrath schoss bereits in der 1. Minute knapp vorbei, zwei Minuten später hatte Leber alle Mühe, einen harten Flachschuss des ‚Dicken‘ zu meistern und in der 7. Minute flitzte eine Bombe des nach vornpreschenden Rosbigalle haarscharf am Lauterer Tor vorbei. Dann aber setzten die verbissen um jeden Ball kämpfenden Empor-Leute sich mehr und mehr durch und in der letzten Viertelstunde der ersten Hälfte verhinderten zweimal Grünbeck durch Fußabwehr und Fäusten sowie Nordhaus und der lange Jochen durch tolle Hechtsprünge den fälligen Führungstreffer.“

Nach der Pause fiel daserlösende 1:0 durch Vollrath und eineViertelstunde später das 2:0 durchMartin, das war die Entscheidung.Damit hält Turbine den Anschluss andie Tabellenspitze

Trotz Überlegenheit verlor Turbine bei Aktivist Brieske Ost mit 1:3

4. Spieltag, 7. Oktober 1953

„Vor 8.000 Zuschauern erlebte die Erfurter Mannschaft, dass zum Fußballspiel auch Glück gehört. Trotz eines meist überlegen geführten Spiels musste sie sich durch drei unglückliche Tore geschlagen geben.“

Nach dieser deutlichen Niederlage steht Erfurt nun im Mittelfeld.

Zurück in der Spur, Vollrath mit goldenem Tor gegen Rotation Dresden

5. Spieltag, 11. Oktober 1953

„25.000 Zuschauer erlebten im Erfurter Georgi-Dimitroff-Stadion einen knappen, aber verdienten Sieg ihrer Turbine-Elf über die technisch hervorragende, ohne Vorstopper spielende Rotation-Elf aus Dresden.“

Während Rotation mehrfach gelobt wird, dass es nicht mehr wie in der Vorsaison mit Vorstopper und damit defensiv spielt, ist Erfurt wieder oben dran!

Thales Blitzstart bringt nur ein 2:2-Unentschieden für Turbine

6. Spieltag, 18. Oktober 1953

Zwei Blitztore in der 1. und 2. Minute für Thale, die bisher am Tabellenende standen. Nach dem Anschlusstreffer durch Hermsdorf kurz nach der Pause gelang der Ausgleich erst fünf Minuten vor Schluss, wieder durch Hermsdorf. Turbine ist nun Tabellenfünfter mit nur zwei Punkten Rückstand auf den Überraschungsspitzenreiter BSG Aktivist Brieske-Ost.

„Chemie Leipzig mit 3:0 mattgesetzt, Erfurt drängt nach der Tabellenspitze“

7. Spieltag, 25. Oktober 1953

Diesmal spielte die Turbine-Mannschaft in Weiß-Blau.

„25.000 Erfurter waren von ihrer Elf diesmal restlos begeistert. Die Überlegenheit des oft über sechs bis acht Stationen laufenden Erfurter Spieles ließ in der letzten halben Stunde das Chemie-Spiel sang- und klanglos untergehen.“

1:0 durch Konrad Wallroth in der 30. Minute,

„mit einer absolut unhaltbaren Bombe ins rechte Dreieck des Leipziger Tores“,

Vollrath in der 54. mit dem 2:0.

„Immer stärker beherrschen Erfurts Läufer das Mittelfeld. Busch rettet, rettet. Der kleine Franke erhält Beifall, er ist überall, auch Nordhaus versucht sich imToreschießen. Knapp streicht seine Bombe vorbei. 84. Minute: Weise erkämpft sich den Ball, flankt genau zuVollrath, der stoppt seeelenruhig mitdem Körper und vergeblich strecktsich Busch nach seinem Schuss, 3:0.“

Erfurt nun Vierter, nur ein Punkt auf Spitzenreiter Aue.

Intermezzo: Freundschaftsspiel gegen Torpedo Moskau, „Turbin eerst nach hartem Kampf 2:1 geschlagen“

1. November 1953

Für das erste internationale Fußballspiel nach 1945 im Erfurter Stadion gab es laut Tagespresse über 100.000 Kartenwünsche.

„Die Mannschaft des Moskauer Stalinwerks, Torpedo Moskau, siegte in ihrem zweiten Freundschaftsspiel in der DDR verdient 2:1 über Turbine Erfurt. Das Erfurter Georgi-Dimitroff-Stadion war mit über 40.000 begeisterten Zuschauern, unter ihnen viele sowjetische Freunde, bis in die Baumspitzen gefüllt.
Um 9.30 Uhr strömen die ersten Menschen ein, um 13 Uhr sind die weiten Ränge vollbesetzt, Tribüne und Sitzterrasse vollgepfropft, bis hinein in die Baumkronen suchen sich Zuschauer einen Platz, um Zeuge des großen Spiels Turbine gegen Torpedo zu werden. Herrliches Fußballwetter, das leuchtende Rot der Sowjetbanner, das Schwarz-Rot-Gold des deutschen Banners, Bildnisse der großen Führer der beiden befreundeten Nationen, Musik der Volkspolizisten und überall mustergültige Organisation des Ordnerdienstes der Sportler und Volkspolizisten sind der imposante Rahmen dieses großen Tages der deutsch-sowjetischen Freundschaft.“

„Turbine Erfurt bleibt Aue auf den Fersen“

9. Spieltag, 8. November 1953

Turbine mit einem klaren 5:2-Auswärtssieg bei der BSG Motor Dessau.

„Der Sturm der Erfurter Turbine-Elf schoss im Paul-Greifzu-Stadion in Dessau gegen den National-Torwart Klank fünf Tore, ein Beweis dafür, dass sich die fünf Stürmer finden und an Schusskraft gewinnen.“

Aue mit 14:4 Punkten Erster, Erfurt nur mit 11:5, aber einem Spiel weniger.

„Bereits zur Halbzeit lag Turbine mit vier Toren vorn“

10. Spieltag, 15. November 1953

Und gleich der nächste 5:2-Sieg, diesmal zu Hause gegen die BSG Motor Zwickau:

„Die Spannung in der DDR-Fuß-ball-Oberliga hat durch die letzten Ergebnisse noch zugenommen. Spitzenreiter Wismut Aue verlor mit 2:3 gegen Chemie Leipzig und liegt nach Verlustpunkten gerechnet schon schlechter als die Elf von Turbine Erfurt, die Motor Zwickau eindrucksvoll mit 5:2 bezwang …
Während der ersten 45 Minuten demonstrierte der Erfurter Angriff mit Flachpasskombinationen ein wahres Lehrspiel und ließ die Gäste nicht zur Entfaltungkommen.“

3:2 Niederlage bei Wismut Aue, „Turbine-Hintermannschaft unter Form“

11. Spieltag, 18. November 1953

Das Spitzenspiel in Aue verschlief dieTurbine-Elf zunächst, hatte kurz vor Schluss aber dennoch die Chance auf den Ausgleich:

„Überraschend war das fast völlige Versagen der Erfurter Hintermannschaft, die bis auf Hoffmeyer, der bester Mann auf dem Platz war, selten ihre sonstige Form erreichte. Das Erfurter Sturmspiel litt an dem völlig ungenügenden Aufbauspiel der Außenläufer, die auch in der Deckung ihre Aufgabe nicht erfüllten.“

Nach einer 3:0-Führung für Aue kam Erfurt noch auf 3:2 durch Nordhaus (Elfmeter) und Vollrath heran und besaß kurz vor Schluss noch die große Chance auf das 3:3.

Erfurt nun mit 13:7 Punkten Tabellendritter, Aue als Spitzenreiter mit 16:6, aber einemSpiel mehr

„Turbine gewann verdient mit 1:0, ein Vollrath-Torbrachte die Entscheidung“

12. Spieltag, 22. November 1953

Turbine mit einem Sieg gegen den Meister Dynamo Dresden.

„Vor mehr als 20.000 Zuschauern verteidigte die Turbine-Elf im Georgi-Dimitroff-Stadion mit einem verdienten 1:0-Sieg über Dynamo Dresden den zweiten Tabellenplatz erfolgreich …
Grünbeck im Tor meisterte mit prächtigen Abwehr-Paraden die schwierigsten Situationen …
Ein großes Spiel, reich an Dramatik, war zu Ende. Es wurde auf beiden Seiten – abgesehen von einigen kleinen Regelwidrigkeiten – im Großen und Ganzen hart, aber fair gespielt. Der einzige Versager
auf dem Spielfeld war Schiedsrichter Wutzig aus Wurzen, der oftmals nicht im Bilde war und Fehlentscheidungen gab, die den Unwillen der Zuschauer hervorriefen.“

Erfurt rückt nach Verlustpunkten wieder zu Aue auf, da Wismut nur 1:1 bei Motor Dessau spielte. Spannung im Meisterkampf!

„Turbine verpasste Tabellenspitze“ nach einem 0:0 bei BSG Fortschritt Meerane

13. Spieltag, 29. November 1953

„Beide Abwehrreihen standen unerschütterlich“

, gleichzeitig verlorAue aber überraschend mit 1:2 zu Hause gegen Motor Zwickau. Die BSG Wismut Aue ist zwar immer noch Spitzenreiter mit 17:9 Punkten, aber Erfurt als Zweiter mit 16:8 Punkten hat ein Spiel weniger. Am nächsten Spieltag kann es einen Wechsel an der Spitze geben, da Aue spielfrei ist, zudem spielt Erfurt nur gegen das Schlusslicht BSG Einheit Ost Leipzig.

„Erfurt ließ sich die Chance entgehen“, Tabellenspitze verpasst

14. Spieltag, 6. Dezember 1953

„Bis auf wenige, die dieser Begegnung pessimistisch entgegensahen, hatte wohl keiner der 20.000 Zuschauer mit einem derartigen Ausgang desSpiels gerechnet, zumal in der ersten Halbzeit alles programmgemäß verlief.“

Nach einer 2:0- und 3:2-Führung musste sich Turbine dann doch mit einem 3:3-Unentschieden gegen den Oberliganeuling und Tabellenletzten BSG Einheit Ost Leipzig begnügen.

Nun Punktgleichstand bei 17:9 mit Wismut Aue, aber Erfurt ist ein Tor schlechter. Beide schwächeln in dieser Phase, so dass Empor Lauter, Chemie Leipzig und Rotation Dresden bedenklich nah an die Spitzeheranrücken.

„Turbine hat es doch noch geschafft, aber Meister Dynamo Dresden musste Schrittmacherdienste leisten“

15. Spieltag, 13. Dezember 1953

Turbine zu Gast bei Turbine am letzten Spieltag der Hinserie.

„Nordhaus und Hoffmeyer retteten das 1:1-Unentschieden“

bei Turbine Halle vor 25.000 Zuschauern. Weil Wismut Aue zugleich mit 1:2 bei Dynamo Dresden verlor und Chemie Leipzig, Rotation Dresden und Empor Lauternur Unentschieden spielten, ist die BSG Turbine Erfurt urplötzlich wieder Tabellenführer – und damitHerbstmeister in dieser spannenden Saison 1953/54.

„Verheißungsvoller Start der Turbine-Elf, aber Wismut Aue und Empor Lauter sind hartnäckige Verfolger“

16. Spieltag, 3. Januar 1954

Zum Auftakt der Rückrunde gelingt ein 3:0-Auswärtssieg bei der BSG Motor Zwickau.

„Eine Augenweide dazu war der Erfurter Sturm, der besonders in der ersten Halbzeit, gegen den Wind spielend, Kombinationswirbel zeigte, an denen man seine helle Freude haben konnte.“

Die Tore fielen durch Lothar Weise, Georg Rosbigalle und Konrad Wallroth. Turbine bleibt vorn.

„Spitzengruppe setzte sich auch diesmal durch“

17. Spieltag, 10. Januar 1954

Auf einem tief verschneiten Spielfeld gelingt der Erfurter Mannschaft ein 2:1-Sieg gegen die BSG Motor Dessau.

„Das Erfurter Läuferspiel kam zunächst nicht auf Touren und damit auch nicht der Sturm, und die 12.000 Zuschauer im Georgi-Dimitroff-Stadion wurden erst ihre Sorgen los, als der für Wallroth 20 Minuten vor Spielende hereingenommene Konzack aus einem Getümmel heraus den Ball zum 2:1 in Klanks Gehäuse drückte.“

Da aber auch Wismut Aue und Chemie Leipzig gewannen, bleibt es vornin der Tabelle eng.

„Eine Stunde lang sah Turbine wie der Sieger aus“, aber 0:2-Niederlage bei Chemie Leipzig

19. Spieltag, 24. Januar 1954

Die Turbine-Elf verliert vor 40.000 Zuschauern mit 0:2 bei Chemie Leipzig.

„Es ist ein schwacher Trost für Thüringens Fußballanhänger, wenn wir hier feststellen können, dass Turbine beinahe eine Stunde lang wie der sichere Sieger aussah. Zwar stand es da noch 0:0, aber unsere Mannschaft machte das Spiel.“

Und dennoch wurde das Spiel noch verloren, nun ist es ein „Kopf-an-Kopf-Rennen der Spitzengruppe“. Turbine befindet sich nur noch auf dem zweiten Platz.

„Turbine gewann sicher mit 2:0 in Dresden“

21. Spieltag, 7. Februar 1954

Durch zwei schnelle Treffer durch Wallroth und Vollrath stand der sichere Auswärtssieg bereits nach 17 Minuten fest. Die Spannung an der Tabellenspitze hält an, denn Chemie Leipzig löste Wismut Aue als Spitzenreiter ab. Erfurt hat einen Punkt weniger auf Tabellenplatz zwei, aber auch ein Spiel weniger und kann in den restlichen Spielen sechsmal zu Hause spielen und muss nur noch viermal auswärts reisen. Die Chancen auf die Meisterschaft sind deutlich vorhanden!

2:1 Sieg gegen BSG AktivistBrieske-Ost

22. Spieltag, 14. Februar 1954

18.000 Zuschauer sehen einen ungefährdeten Heimsieg.

„Die Elf fand sichschnell mit dem glatten Boden zurecht und zog ein hervorragendes Kombinationsspiel auf – überwiegendvon Jochen Müller inszeniert – dem die Briesker Knappen nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatten.“

Chemie Leipzig nun mit 27:13 Punkten, Erfurt dahinter mit 26:12, aber einem Spiel weniger. Aue dahinter hat dann schon 26:16 Punkte, weil zwei Spiele mehr.

4:1-Auswärtssieg bei EmporLauter: „Turbine löste Chemie in der Tabellenführung ab“

23. Spieltag, 21. Februar 1954

Das Auswärtsspiel findet wegen Unbespielbarkeit des Platzes in Lauter in Aue statt. Auf dem dennoch vorhandenen „Eisparkett“ geht es in einer bis dahin ausgeglichenen Partie mit einer 2:1-Führung in die Pause.

„In der 2. Halbzeit konnte Lauter nicht mehr mit … Endlich fand derSturm die richtige Einstellung zu den Bodenverhältnissen und zum Gegner.“

Die Tore schossen Vollrath und zweimal Wallroth, zusätzlich gab es ein Lauterer Eigentor. Da Chemie Leipzig nur Unentschieden spielte und Wismut Aue sensationell mit 1:5 bei Turbine Halle verlor, setzt sich Turbine Erfurt an die Tabellenspitze.

3:2 Sieg gegen Rotation Babelsberg nach „90 Minuten Schlammschlacht“

24. Spieltag, 28. Februar 1954

„Zwei verschiedene Spielweisen trafen hier aufeinander. Während die Babelsberger mit Kurzpass versuchten, die Erfurter Abwehr aufzureißen, bevorzugte Turbine das Spiel in den freien Raum. Lang- und Querpass wechselten, wie es die Situation erforderte. Durch diese zielstrebige Spielweise wurden zahlreiche Torchancen herausgespielt.“

Turbine Erfurt wahrte damit die Meisterschafts-Chance, der Vorjahresmeister Dynamo Dresden ist nach einer 1:3-Niederla gegegen Fortschritt Meerane aus dem Meisterschaftsrennen.

„Der Kreis der Meisterschaftsanwärter verringerte sich damit endgültig auf Turbine Erfurt, Chemie Leipzig und Wismut Aue.“

„Diesmal drehte Turbine Erfurt den Spieß um“

25. Spieltag, 7. März 1954

„Die Nervenbelastung der Erfurter Spieler im Kampf gegen Lok Stendal war groß, denn noch niemals wurde auf des Gegners Platz gewonnen … Durch die überragende Leistung der Hintermannschaft diktierte Turbine das Spielgeschehen.“

Eine hochkonzentrierte Leistung, schnelle Tore in der 4. Minute durch Vollrath und in der 15. Minute durch Rosbigalle und die 3:0-Entscheidung dann nach der Pause durch Hermsdorf in der 58. Minute – so spielt ein kommender Meister. Turbine bleibt damit Spitzenreiter, während Chemie Leipzig mit 0:2 bei Rotation Babelsberg verliert. Erfurt nun mit zwei Punkten Vorsprung bei gleicher Spielanzahl.

„Turbine-Duell endete 1:0 für die Erfurter“

26. Spieltag, 14. März 1954

Der nächste Sieg, diesmal ein 1:0-Erfolg gegen Turbine Halle.

„Auch gestern gingen die 22.000 Zuschauer nach Spielende mit der Überzeugung nach Hause, dass die Turbine-Elf aus Erfurt sich zu einem starken Kollektiv entwickelt hat. Die Mannschaft hat wohl kaum noch etwas auf dem Wege zur Meisterschaft zu befürchten, denn Stendal leistete in Leipzig gegen Chemie einen weiteren wichtigen Schrittmacherdienst mit dem errungenen 2:2 Unentschieden …
RudiHermsdorf spielte für zwei. Es ist erstaunlich, wie sich dieser noch junge Spieler in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem Regisseur von Format entwickelt hat. Zahlreiche brenzlige Situationen waren das Produkt der taktisch klugen Spielweise der Turbine-Mannschaft.“

Erfurt souverän Tabellenerster.

„Fußball-Sensation in Erfurt“

Nachholer 20. Spieltag, 17. März 1954

"Gegen eine völlig unkonzentriert und zuletzt ausgesprochen lustlos spielende Erfurter Turbine-Elf siegte der Tabellenletzte Stahl Thale vor 20.000 Zuschauern gestern Nachmittag überlegen und verdient mit 5:3 (2:1) Toren …
Wie großartig diebis zuletzt offensiv und fair spielenden Stahlwerker in Erfurt gefallen haben, bewiesen die stürmischen Anfeuerungsrufe der Zuschauer für die Gäste nach deren fünften Tor.“

Damit verpasste Turbine die Chance, sich weiter von Chemie Leipzig abzusetzen, und hat nun nur noch drei Punkte Vorsprung (34:14 zu 31:17).

Nebengeräusche

Mitten in der heißen Phase der Saison knallt es in der Erfurter Mannschaft. Der bisher so zuverlässig aufspielende TorhüterHeinz Grünbeck wird aus der Mannschaft ausgeschlossen und für ein ganzes Jahr gesperrt. Der Grund:

„Die Mannschaft, die sich in den verflossenen Monaten die größten Opfer in sportmoralischer und sportdisziplinarischer Hinsicht auferlegte, konnte nicht fassen, dass eines ihrer Mitglieder gegen die Grundgesetze der Sportethik und Sportmoral in so verantwortungsloser Weise verstoßen konnte, indem Grünbeck jeglichen sportgerechten Lebenswandel vermissen ließ.“

Nur 0:0 bei Einheit Ost Leipzig, der Vorsprung schmilzt

27. Spieltag, 21. März 1954

„TurbineErfurt hatte im Leipziger Bruno-Plache-Stadion vor 35.000 Zuschauern Mühe, um einen Punkt vom Abstiegskandidaten Einheit Ost Leipzig mit nach Hause nehmen zu können …
Für Torwart Grünbeck stand erstmalig der Reservetorhüter Simon zwischen den Pfosten, der im Verlauf des gestrigen Spiels verletzt wurde und dessen Posten dann Nitsche einnahm …
Die Erfurter Hintermannschaft zeigte sich in diesem Spiel von ihrer besten Seite.“

Zur Verletzung von Simon kam auch eine von Weise, ein Bänderriss, so dass dieser bis Ende der Saison wohl nicht mehr einsatzfähig wird. Chemie Leipzig gewann bei Turbine Halle mit 2:1, sodass es an der Spitze immer enger wird. Nun hat Erfurt 35:15 Punkte und Leipzig 33:17, bei einem um fünf Tore besseren Torverhältnis.

„Turbine musste hart um den 2:1-Sieg kämpfen“ gegen Abstiegskandidat Meerane

28. Spieltag, 28. März 1954

28.000 Zuschauer waren im Georgi-Dimitroff-Stadion dabei.

„Vergeblich versuchten die Außenläufer Müller und Löffler das Erfurter Sturmspiel auf Touren zu bringen, Rosbigalle und Hermsdorf blieben jedoch weiterhin blass und Martin konnte auf Rechtsaußen Weise nie voll ersetzen. Gefahr drohte Meerane nur von Vollrath und Wallrodt. …
Es waren bange Minuten zu überstehen und hätten nicht solch herausragende Abwehrspieler wie Nordhaus, Hoffmeyer, Müller und Löffler hinten eisern gestanden, dann wäre den Meeranern der Ausgleich nicht versagt geblieben.“

Aber auch Chemie Leipzig gewinnt mit 2:1 gegen BSG Einheit Ost Leipzig, weiterhin hat Erfurt zwei Punkte Vorsprung bei einer fünf Tore besseren Differenz (+22 zu +17), es spitzt sich zu.

„45.000 sahen ein großes Spiel in Dresden“, aber 2:4-Niederlage von Turbine

29. Spieltag, 4. April 1953

„Der Weg der beiden Meisterschaftsanwärter Turbine Erfurt und Chemie Leipzig führt in der Endphase der diesjährigen Meisterschaftssaison über Dynamo Dresden. Der Titelanwärter Nr. 1 Turbine Erfurt vermochte am gestrigen Sonntag diese schwere Hürde nicht zu nehmen und musste zwei wertvolle Punkte in Dresden lassen …
Beide Kollektive gaben während der 90 Minuten ein Höchstmaß an spielerischem Können … In der zweiten Hälfte zeichnete sich die Nervosität der Erfurter stark ab und der Sturm mit dem wiedereingesetzten Weise fiel gegenüber der ersten Spielhälfte mehr und mehr ab.“

Nach einem zwischenzeitlichen 2:2 mussten die Erfurter dann noch zwei weitere Tore hinnehmen und verloren mit 2:4 beim Vorjahresmeister. Da aber auch Chemie Leipzig mit 1:3 in Meerane verlor, blieb Turbine an der Spitze. Bei einem Leipziger Sieg wäre es Punktgleichheit gewesen.

Die Entscheidung über die Meisterschaft der Saison 1953/54 musste nun am letzten Spieltag fallen. Den Erfurtern würde schon ein Punkt gegen Wismut Aue reichen. Bei einer Niederlage von Turbine und einem gleichzeitigen Leipziger Sieg würde dann das Torverhältnis entscheiden.

„40.000 Erfurter umjubelten unseren neuen Fußballmeister“

30. Spieltag, 11. April 1954

Vor dem Spiel flatterten einigen Erfurtern die Nerven, denn alle bisherigen Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften innerhalb einer Meisterschaft verloren die Erfurter. Aber die schnelle Führung durch Vollrath in der 11. Minute und das prompte Nachlegen durch Nordhaus in der 14. Minutegab enorm Sicherheit.

Die Turbine-Elf stellte danach um und konzentrierte sich im weiteren Spielverlauf auf die Sicherung des Ergebnisses und auf das Konterspiel. Das 2:0 konnte gehalten werden, auch nach einer Verletzung von Jochen Müller in der 48. Minute, der fünf Minuten später aber wieder mitspielte, und trotz des verletzungsbedingten Ausscheidens von Weise in der 54. Minute.

Und dann muss in der 68. Minute auch noch Torhüter Nitsche mit einem Jochbeinbruch den Platz verlassen, so dass der wieder genesene Torhüter Simon seine zweite Chance bekommt. Erfurt kämpft mit letzter Kraft, dann wird abgepfiffen.

„Bald nachdem Schiedsrichter Reinhardt (Berlin) das Spiel Turbine Erfurt – Wismut Aue abgepfiffen hatte, war von der Rasenfläche des Erfurter Georgi-Dimitroff-Stadions nichts mehr zu sehen. Tausende um Tausende begeisterte Erfurter schoben einfach die Ordner beiseite, strömten auf den Rasen und jubeltendem neuen Meister, ihrem Meister Turbine Erfurt, zu. Minutenlang hallte das weite Oval des Stadions wider vom Jubel der 40.000 und steigerte sich zu neuen Ovationen, als die Meister-Elf abgekämpft, aber glücklich und mit Blumen in den Armen in die Kabinen ging.“

Die gleichzeitige Niederlage von Chemie Leipzig mit 2:3 gegen Dynamo Dresden war somit nicht mehr entscheidend. Am Ende hatte die Turbine-Meistermannschaft vier Punkte Vorsprung (39:17 Punkte zu 35:21). Erfurt hatte weder die meisten Tore geschossen noch die wenigsten bekommen, aber dennoch das beste Torverhältnis aller 15 Mannschaften.


Abschlusstabelle

PlatzVereinSp.SUNTorePunkte
1. BSG Turbine Erfurt28175658:3639:17
2.BSG Chemie Leipzig
28155851:3735:21
3.SG Dynamo Dresden (M)
28154954:4434:22
4.BSG Wismut Aue
281531059:4233:23
5.BSG Rotation Babelsberg
28128858:4332:24
6.BSG Aktivist Brieske-Ost
28118948:4330:26
7.BSG Rotation Dresden
28910946:3928:28
8.BSG Turbine Halle
281161130:3028:28
9.BSG Empor Lauter
28811940:3827:29
10.BSG Fortschritt Merane (N)
28891146:4625:31
11.BSG Motor Zwickau
281051339:5625:31
12.BSG Einheit Ost Leipzig (N)
28951443:5723:33
13.BSG Lokomotive Stendal
286111138:5123:33
14.BSG Motor Dessau
28791238:5523:33
15.BSG Stahl Thale
28471728:5915:41



Text: Dr. Michael Kummer
Fotos: Archive FC Rot-Weiß Erfurt, Olaf Schwertner, Kurt Gaida

erschienen auch im 1966er, dem Magazin über den FC Rot-Weiß Erfurt, Weiße Ausgabe 2024, hrsg. vom Fanrat Rot-Weiß Erfurt e.V.

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